Uta Illing: „Schnörkellose, sachlich-geomterische Formen entsprechen meinem ästhetischen Empfinden“

Wenn die Worte TON AUFBAUEN fallen, dann gerät die Meeranerin, Uta Illing, ins Schwärmen. Vor ihrem Ruhestand war sie Lehrerin und widmete sich seit den 1980er Jahren der Keramikkunst. Doch halt! Was ist Kunst eigentlich und ab wann darf man sich Künstler nennen? Gibt man sich diese Bezeichnung selbst oder machen das andere? Braucht man ein Diplom? Fragen mit denen sich Uta Illing im Zusammenhang mit ihren Arbeiten beschäftigt hat. Denn erstmals stellte sie vor zwei Jahren ihre Aufbaukeramiken in der Galerie ART IN Meerane, zusammen mit der Textildesignerin Ingeborg Mende, aus. Nicht nur die Besucher waren begeistert sondern auch die Presse äußerte viel Lob. Dabei war dies bisher ihre erste Ausstellung, trotz der grandiosen Exponate, welche nach dem Ausflug in die Galerie nun wieder die heimischen Regale geschmackvoll zieren. Warum hat sie bisher nur nur eine Ausstellung gemacht und warum hat sie ihr so mit Leidenschaft betriebenes „Hobby“ nie als Beruf ausgeführt? Fragen wir sie selbst:

++++ Frau Illing, wie sind Sie überhaupt zur Keramik gekommen?

Uta Illing: Erst Ende der 1970er Jahre kam ich zur Keramik, genauer gesagt durch die Galerie im „Karli-Haus“ (heute: Stadthalle). Hier fanden regelmäßig Ausstellungen mit den namhaftesten Künstlern der DDR, wie z.B Lea Grundig, Herbert Sandberg, Roland Paris, Nuria Quevedo, Wieland Förster, Achim Kühn und Volker Stelzmann, statt und ich kam mit Kunst hautnah in Berührung. Doch ich merkte schnell, dass mich neben der bildenden Kunst auch das Kunsthandwerk ansprach und der damalige Galerieleiter, Frithjof Herrmann, warb zu dieser Zeit für seinen Keramik-Zirkel.

++++ Mit Erfolg!?

Uta Illing: Ja. Es interessierte mich, etwas herzustellen und ich war fortan dabei. In dieser Zeit war Material – ob Ton, Glasuren oder leicht zu bedienende Brennöfen – Mangelware. Man musste erfinderisch sein. Da wurden dann nur keramische Objekte zur Formvollendung – sprich: bis hin zum Brennen – gebracht, die auch seinen Ansprüchen genügten. So manches vermeintliche Kunstwerk überlebte also den gestrengen Blick nicht.

++++ Ist das nicht demotivierend?

Uta Illing: Im Gegenteil! Ich lernte bei ihm, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren; und diese schnörkellose von klaren Linien geprägte Art passten auch zu meinem persönlichen Geschmack. Zudem haben wir beim ihm das Aufbauen so intensiv gelernt, dass unsere Gefäße aussahen, als hätten wir sie tatsächlich mit der Drehscheibe gemacht.

++++ Aufbaukeramik macht man also nicht an der Töpferdrehscheibe?

Uta Illing: Nein. Wie es der Name sagt, man baut aus Ton das gewünschte Objekt auf. Das ist aufwendig, aber der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Jedes Objekt ist ein Unikat.

++++ Und an Formen haben Sie schon eine ganze Menge kreiert – von der Stier-Skulptur bis hin zur Vase ist alles dabei. Woher nehmen Sie diese Ideen?

Uta Illing: Meine Umgebung inspiriert mich und viele Dinge sehe ich „keramisch“. Ich nehme Ton in die Hand, wenn ich weiß, was ich will. Nicht nach dem Motto: Heute forme ich mal keinen Kloß, sondern Ton. Die besten Ideen kommen während des Arbeitsprozesses. Urplötzlich!

++++ Apropos Lust, Sie gehen das also absolut entspannt an?!

Uta Illing: So ist es. Denn ich habe diese Kunst nie betrieben, um davon zu leben. Deshalb konnte ich schon immer das machen, was mir gefällt. Das war und ist ein großer Vorteil!

++++ Sie sehen also schon Unterschiede, ob man als Künstler davon leben muss oder eben nicht?

Uta Illing: Es ist für mich ein großer Unterschied, denn ich würde niemals von meinem Stil abrücken, obwohl ich weiß, dass es nicht jedem gefällt. Aber ich muss es eben auch nicht, weil es nicht mein Beruf ist. Wäre er das, so müsste ich mich definitiv danach ausrichten, was potenziellen Auftraggebern oder Käufern gefällt. Das sehe ich regelmäßig, wenn ich auf den verschiedensten Keramik- oder Töpfermärkten unterwegs bin. Zudem sind die Pinch- und Poliertechnik sehr zeitaufwändige Verfahrensweisen, die man aufgrund der investierten Zeit auch schwer zu einem angemessenen Preis verkaufen kann.

++++ Sie würden also nichts davon verkaufen?

Uta Illing: Doch. Wer sich für meine Arbeiten interessiert, kann sie erwerben.

++++ Kommen wir nochmal kurz auf diese beiden Verfahrensweisen zurück. Was ist Pinchen und Polieren?

Uta Illing: Pinchen ist die älteste Form der Tonverarbeitung. Aus einem Stück Ton wird mit Fingerdrucktechnik ein Gegenstand geformt. Die runde Tonkugel wird mit dem Daumen aufgebrochen und mit den Fingern in spiralförmiger Bewegung zur gewünschten Größe und Form getrieben.
Die Wandstärke muss überall gleichmäßig stark sein. Gefäße mit besonders dünner Wandstärke haben einen besonderen Reiz.
Mit glatten Steinen werden die keramischen Objekte vor dem 1. Brand auf Hochglanz poliert. Im Rauchofen erhalten sie dann faszinierende marmorierte Oberflächen. Beide Techniken sind äußerst zeitaufwendig.

++++ Man weiß also nie, was aus dem Brennofen schlussendlich herauskommt?

Uta Illing: Zumindest bei diesen letztgenannten Techniken gibt es Überraschungseffekte. Da man ja zwischen das Sägemehl Materialien mischt, die faszinierende Oberflächen bilden. Es ist also jedes mal spannend.

++++ Auch, wenn Sie Ihren Stil gefunden haben, gibt es doch sicher Vorbilder die sie begeistern, oder?

Uta Illing: Für mich ist das der Schweizer Renato Domiczek. Seine Kurse besuche ich seit nunmehr fünf Jahren und diese sind wie eine „Seelenwanderung“. Soll heißen: Man fühlt sich während der Workshops richtig wohl, wird geachtet und geschätzt. Er verfügt über herausragende Fähig- und Fertigkeiten und Wissen. Deshalb ist er nicht nur ein Vorbild sondern auch ein guter Lehrer für mich und das trotz unserer verschiedenen Stile.
Es ist mir immer wieder ein Fest, mich in dem kleinen Tessiner Bergdorf Rasa – abgeschieden von der Zivilisation – unter seiner Anleitung, zusammen mit anderen, den verschiedensten Niedrigbrenntechniken zu widmen.

++++ Was sind das für besondere Workshops?

Erstens die Atmosphäre. Zweitens der Lehrmeister. Drittens die Teilnehmer, die alle das gleiche Ziel verfolgen und von der ersten Stunde an ein Team sind.
In diesem Jahr werde ich keramische Bild-Platten herstellen und zum Teil auch mit „Rostigem“ versehen.

++++ Kommen wir noch kurz auf die „Kunstfrage“ zurück. Wie würden Sie es definieren?

Uta Illing: Die Frage bleibt auch für mich ein wenig offen. Heutzutage nennt sich ja jeder Künstler. Ich frage mich, muss man es gelernt haben? Auch, wenn ich persönlich noch kein genaue Definition gefunden habe, so denke ich, dass das Umfeld bestimmt, ob man als Künstler wahrgenommen wird oder nicht. Worüber ich mir aber absolut im Klaren bin, dass man sein Handwerk verstehen muss. In meinem Fall trifft es der Begriff „Kunsthandwerk“ am besten.

++++ Was würden Sie sich in Bezug auf die Kunst für die Zukunft wünschen – sowohl persönlich als auch allgemein?

Uta Illing: Das sich die Kinder und Jugendlichen, welche z.B. in der Galerie im TREPPENHAUS in Meerane ausstellen die Freude an der Kunst möglichst ein Leben lang bewahren, denn was dort gezeigt wird, ist erstaunlich; und da muss man auch den Kunsterziehungslehrern danken, dass sie soviel Kreativität im Unterricht fördern. Diese Galerie kann man schon vom Niveau her, als Vorstufe zur Galerie bezeichnen.

Des Weiteren wünschte ich mir, dass hierzulande Kunst wertgeschätzt und auch Geld dafür investiert wird.

Und für mich persönlich: Ich würde gerne nochmal so eine Ausstellung wie vor zwei Jahren machen. Ich hätte damals nicht gedacht, dass mir das soviel Freude macht; und in Kombination mit den gehängten Kunstwerken von Frau Mende fand ich das einfach toll.

Dann wünschen wir Ihnen für den bevorstehenden Keramikkurs in der schönen Schweiz viel Freude und herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

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